Vier Ziele, die innerhalb einer Woche zu erreichen
sicherlich von Anfang an ein schwieriges Unterfangen war. Die Berliner
Gruppe traf am Abend des 12. Mai in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte
Auschwitz ein, begrüßt von der Moskauer Gruppe, die einige Stunden
vorher anreiste. Ein gemeinsames Abendessen und der Versuch erste Kontakte
herzustellen beendete diesen Abend.
Am Sonntag stand nach dem Frühstück eine gemeinsame
Stadtbesichtigung auf dem Programm. Zwanzig Jugendliche durchstreiften
mit einer Mitarbeiterin der Begegnungsstätte und unserem Dolmetscher
Oswiecim, eine Stadt mit mehr als 800 jähriger Geschichte.
An der Mündung der Sola in die Weichsel stand bereits
seit 300 Jahren eine Burg, bevor die Stadt im 14. und 15. Jahrhundert Sitz
der Herzöge von Oswiecim wurde. Nach der letzten polnischen Teilung
Ende des 18. Jhd. lag Auschwitz am Westrand des österreichischen Galizien,
wenige Kilometer von der preußischen Grenze entfernt.
Wir besichtigten u.a. den heute verschlossenen jüdischen
Friedhof. Das letzte Begräbnis fand nach langer Pause im Jahre 2000
statt, der Gedenkstein wurde umgestoßen.
1939
waren gut die Hälfte der damals 12000 Einwohner Juden, heute ist kein
Bürger der Stadt mehr jüdischen Glaubens. Unser Weg führte
an der Maximilian-Kolbe-Kirche vorbei zum alten Marktplatz. Die Kirche,
in den 80iger Jahren erbaut, erinnert an einen Häftling in Auschwitz,
der 1941 für einen Mithäftling in den Hungerbunker von Block
11 ging und ermordet wurde. Der Marktplatz mit seinen z.T. restaurierten
Bürgerhäusern aus dem 18. Jahrhundert wird verunziert durch einen
„Beton-Palast“ aus den 70iger Jahren.
Am Sonntag-Nachmittag besichtigten die Jugendlichen noch
einmal in vier gemischten Gruppen die Stadt. Einige zogen es jedoch vor,
bei diesem schönen Wetter am Ufer der Sola zu liegen und sich auf
ihre Art und Weise näher kennen zu lernen.
Am Montag stand der Besuch Krakaus auf dem Programm. Krakau,
bis 1572 Hauptstadt Polens, nach den Teilungen zu Österreich gehörend,
strahlt noch heute den Charme einer weltstädtischen K. und K. Metropole
in der geografischen Mitte Europas aus.
Ein Bus brachte uns in das Stadtzentrum, dann begannen
zwei zweistündige Führungen auf deutsch und russisch. Zunächst
wurde der Wawel besichtigt, ursprünglich eine Wehrburg, um 1500 ein
von König Sigismund erbautes Renaissanceschloss, 100 Jahre später
unter dem Einfluss des Barock umgebaut. Den traurigen Höhepunkt in
der wechselvollen Geschichte des Wawel und ganz Krakaus bildet sicher die
Zeit 1939 - 1945, als Krakau Hauptstadt des "Generalgouvemements" wurde
und Hans Frank, als Generalgouverneur verantwortlich für die brutale
Besatzungspolitik, auf dem Wawel residierte.
Unser Weg führte uns in das historische Stadtzentrum
zum 200 x 200 m großen Hauptmarkt, der Marienkirche und den Tuchhallen.
Anschließend besichtigten wir das alte Jüdische Viertel "Kasimierz".
Wir besuchten die von der kleinen jüdischen Gemeinde genutzte Synagoge
und den jüdischen Friedhof. Nach dem Mittagessen in einem ukrainischem
Restaurant erkundeten die Jugendlichen in wiederum vier gemischten Gruppen
auf eigene Faust die Innenstadt.
Nach der Rückkehr in die Jugendbegegnungsstätte
und dem Abendessen wurde der Blick auf den nächsten Tag gelenkt. In
Kleingruppen formulierten die Jugendlichen ihre Erwartungen und Ängste
in Bezug auf den Besuch der Gedenkstätten
in Auschwitz und Birkenau.
Am
Dienstag, dem 15.05. begann schließlich die Führung durch das
"Stammlager" Auschwitz. In zwei getrennten Führungen wurde den Schülerinnen
und Schülern auf deutsch und russisch das dunkelste Kapitel deutscher
Vergangenheit nahe gebracht.
Der Gang durch das Lager begann an dem Tor, das die Berliner
aus den Geschichtsbüchern kannten, über dem die zynische Losung
"Arbeit macht frei" angebracht war.
Da die Berliner Schülerinnen und Schüler bereits
auf Grundinformationen zum Thema zurückgreifen konnten, wurde die
Aufnahme an Wahrnehmungen und zusätzlichen Informationen erleichtert.
Die emotionalen Eindrücke konnten in ein kognitives Wissensraster
eingefügt werden und vervollständigten dieses um eine wichtige
Dimension.
Pritschen, sanitäre Bedingungen, der enge Raum für
zehntausende Menschen gaben einen Eindruck über die Lebensbedingungen
der nach Auschwitz Deportierten. Die visuelle Vorstellung wurde ergänzt
durch die zahllosen Koffer mit den Namen ihrer Besitzer, durch den Berg
Haare, durch Münzen und rostige Schuhcremedosen sowie Zyklon B Giftgasbehälter.
Schließlich der Gang durch Block 11 mit den Straf-
und Todeszellen sowie der Blick auf die Todeswand.
Der Aufbau der Führung von eher "harmlosen" Gebäudeteilen
über die Bildwände der Opfer hin zu den ersten Verbrennungsöfen
sprach die Schüler emotional stark an. Nachfragen und spontane Äußerungen
zeigten das Entstehen von Empathie mit den Opfern und Wut auf die Schergen.
Stark betroffen standen die russischen und deutschen Jugendlichen mit ihren
Lehrern schließlich noch einmal vor der "Todeswand". Wir bildeten
einen großen Kreis, legten die Hände auf die Schultern unserer
Nachbarn und ich, als Leiter der Berliner Gruppe sprach ein kurzes Gebet:
"Wir haben heute viel Schreckliches gesehen. Egal ob
wir gläubig sind oder nicht, egal ob wir Christen, Moslems oder Juden
sind, wir bitten dich, Gott, gib uns die Kraft uns dafür einzusetzen,
das so etwas Schreckliches nie wieder passiert. Mache uns mutig und stark,
damit wir uns für Toleranz, den Abbau von Vorurteilen und gegen Gewalt
einsetzen." Eine Schweigeminute beendete das gemeinsame Gedenken.
Gegen 14.00 Uhr waren wir wieder in der Begegnungsstätte
und den Nachmittag hatten die Jugendlichen zunächst zur freien Verfügung.
Um 16.00 versammelten wir uns wieder und einige Schülerinnen und Schüler
äußerten noch einmal ihre starke Betroffenheit.
Dann begann der Versuch der Aufarbeitung. Wir machten
den Vorschlag, jeder solle einen Brief an ein Opfer oder einen Täter
schreiben, ein Bild malen oder einfach die Gedanken in ein Tagebuch notieren.
( Alle Jugendlichen erhielten am ersten Tag ein festes Ringbuch, um täglich
die Eindrücke und Erlebnisse aufzuschreiben) Viele Teilnehmer, auch
wir Lehrer und Lehrerinnen entschieden uns einen Brief zu schreiben. Jeder
zog sich zunächst an einen Ort zurück, wo er seine Gedanken ordnen
konnte.
Die Briefe wurden anschließend in die jeweils andere
Sprache übersetzt und nach dem Abendessen im "Haus der Stille", einem
kleinen separaten Holzhaus auf dem Gelände, z.T. vorgelesen. Einige
Schülerinnen und Schüler legten Wert darauf, dass ihre Briefe
bzw. Tagebuchnotizen nicht vorgelesen oder veröffentlicht werden sollten.
Hier Auszüge aus den Briefen einer Moskauer Schülerin
und dem Tagebuch einer Berliner Schülerin:
An die Nummer
1723 !
Ich weiß nicht, wer du bist!
Ich kann nicht all deine Leiden nachvollziehen. Aber mit ganzer Seele habe
ich mit dir gelitten. Als ich den Weg ging, der möglicherweise dein
Letzter war, dachte ich, warum begangen die Menschen solche Sünden,
quälten oder ermordeten so viele Unschuldige! Ich verbeuge mich vor
dir, du bist durch alle Höllenkrater gegangen. ...
Ich will morgen eine Blume zu deiner
Ehre niederlegen und zu Ehren der anderen Häftlinge. Ich will eurer
gedenken. Wir dürfen euretwegen diese Grausamkeit nie wieder zulassen
!
4.Tag: Auschwitz Heute sind wir
hin gefahren!
M. hat mir Angst gemacht, dass
es schrecklich sein wird. Es war schrecklich, aber auf eine ganz andere
Art und Weise. Ich war so sauer, so richtig wütend! Wie konnten Menschen
so grausam sein und so etwas tun? Als ich diese Sachen sah, wurde mir übel.
Die vielen Haare, die Schuhe und die Koffer. Die Leute kamen mit all ihren
Sachen und waren voller Hoffnung auf ein besseres Leben. Man nahm ihnen
ihre Träume ohne Mitleid zu haben.
In einem Raum sah ich ein Schild
in englischer Sprache. Sein Inhalt ging mir die ganze Zeit nicht mehr aus
dem Kopf: "Wer die Geschichte nicht kennt wird verdammt sein, sie selbst
zu erleben!"
Einige Schülerinnen und Schüler (Deutsche und
Russen) blieben noch lange im Raum der Stille sitzen. Da sie sich jetzt
bereits kannten und Vertrauen zueinander hatten, schämten sie sich
nicht ihre Betroffenheit, ihre Gedanken und Gefühle den anderen mitzuteilen.
Am
nächsten Tag brachte uns nach dem Frühstück ein Bus in die
Gedenkstätte Birkenau, ca. 3 km vom Stammlager Auschwitz entfernt.
Auch hier wurden wir zweisprachig durch das weiträumige Gelände
geführt.
Der Rundgang begann bei der "Hauptwache", dem Tor zum
Lagerkomplex. Neben der berüchtigten "Rampe", wo die Vernichtungstransporte
endeten, gingen wir in das ehemalige Quarantänelager für neu
eingelieferte Männer und besichtigten einen Teil des Frauenlagers.
Weiter führte der Weg zu den Ruinen der Gaskammern und Krematorien
am Ende der "Rampe", zwischen denen heute das internationale Mahnmal für
die Opfer von Auschwitz steht. Immer wieder wurde der Rundgang unterbrochen,
Fragen gestellt, Betroffenheit geäußert. Auch hier wirkten kognitive
Informationen, sinnliche Wahrnehmung und emotionale Ansprache zusammen.
Unser Rundgang ging weiter an der "Sauna" (Wäscherei
und Desinfektion) vorbei zu einem neuen Ausstellungsteil, der erst in diesem
Jahr eröffnet wurde: Ein Raum mit einer Fotowand privater Fotos, die
die Opfer mit sich führten und der Nachwelt erhalten geblieben sind.
Zum Schluss trafen wir an einem fast idyllischen Ort
auf die Moskauer Gruppe: Ein kleiner See, umgeben von herrlichen Pflanzen,
ein "Biotop", wie ein Schüler feststellte. Wir wurden darüber
aufgeklärt, dass in diesen See die Asche der Ermordeten und Verbrannten
gekippt wurde. Wie kann Idylle täuschen!
Zum Abschluss bildeten wir wie am Vortag einen großen
Kreis, in der Mitte lagen 25 rote und weiße Rosen, die uns mit einem
Taxi aus einem Blumengeschäft gebracht wurden. Jeder,
der wollte, nahm sich eine Rose und legte sie dort nieder,
wo er es für sinnvoll hielt: Am Ufer des Sees, auf dem Wasser, an
der Rampe, auf den Überresten der Gaskammern oder auf einem Gedenkstein.
Noch einmal hatten die Jugendlichen jetzt Gelegenheit in kleinen Gruppen
durch das Gelände zu gehen, viele setzten sich einfach hin um über
das Erlebte nachzudenken.
Nach der Rückkehr und dem Mittagessen wurde die
Aufarbeitung in Gruppen fortgesetzt
Die Berliner und Moskauer Jugendlichen ordneten sich drei
Gruppen zu:
1. Diskussion mit einem Überlebenden des KZ Auschwitz
2. Film: "Das Leben ist schön" (ital. Spielfilm
1999)
3. Gesprächskreis: Offene Fragen und Gedanken zum
Besuch der Gedenkstätten
Die
Diskussion mit dem Zeitzeugen war für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer
sehr informativ. Auf viele Fragen der Jugendlichen wurde eingegangen und
begeistert erzählten einige später von dem absoluten Überlebenswillen,
der diesem Menschen das Leben gerettet hatte.
Ab 17.00 Uhr genossen alle dann ihre wohl verdiente freie
Zeit bei nach wie vor strahlendem Wetter.
Der Donnerstag Vormittag stand ebenfalls zur freien Verfügung.
Viele gingen noch einmal in das Zentrum von Auschwitz um ihr letztes Geld
in polnischer Währung auszugeben. Um 14.00 Uhr begann dann die letzte
Arbeitsphase für beide Gruppen.
Zunächst informierten sich die Schülerinnen
und Schüler gegenseitig, wie sie diese Fahrt vorbereitet hatten. Schnell
stellte sich heraus, dass es gemeinsame und unterschiedliche Herangehensweisen
an Auschwitz gab. In Moskau und Berlin waren Interviews zu den Themen Fremdenfeindlichkeit,
Vorurteile gegenüber Minderheiten und Antisemitismus durchgeführt
worden. Die Ergebnisse wurden vorgestellt. Da die Auswertung der Interviewergebnisse
sehr viel Zeit in Anspruch nahm, machte sich zunehmende Unruhe unter den
Jugendlichen breit. Wir Lehrerinnen und Lehrer mussten feststellen, dass
leider die "Zukunftswerkstatt", also die Frage nach dem Umgang heute miteinander
und den Lehren für uns, nicht mehr realisierbar war.
Beide Seiten verabredeten jedoch in Kontakt zu bleiben,
sich gegenseitig zu informieren und über das Internet weiter zu kommunizieren.
Der Tag klang aus mit einem Abschiedsfest im "Haus der
Stille".
Auf der Rückfahrt im Zug am nächsten Tag hatte
ich Gelegenheit mit den Berliner Jugendlichen noch einmal über ihre
Eindrücke während der letzten Tage zu reden. Die Betroffenheit
der beiden Tage in Auschwitz und Birkenau war einer eher nüchternen
Betrachtungsweise gewichen. Alle Beteiligten zeigten sich mit dem Ergebnis
der Reise zufrieden. "Mir ist das Thema Judenverfolgung jetzt erst so richtig
klar geworden", war eine typische Schüleräußerung. Sicher,
eine Woche in Auschwitz wird aus den Schülerinnen und Schülern
keine glühenden Antifaschisten gemacht haben, aber pädagogische
Arbeit ist häufig Zentimeter-Arbeit. Denkanstöße, kleine
Korrekturen eingefahrenen Denkens, das Überprüfen des eigenen,
noch nicht gefestigten Standpunktes, wären schon ein Fortschritt!
Ich denke, dass diese Fahrt die Schülerinnen und Schüler langfristig
für einen gewaltfreien und offenen Umgang mit anderen Menschen sensibilisiert
hat.
Und: "Diese Leiden dürfen niemals vergessen werden,
damit das Grauen dieser Tage niemals wiederkehrt." (Halina Birenbaum, Herzhya,
Israel)
